Apothekenvertretungen – und darüber hinaus

„Sie können mir schon vertrauen!“ Die Putzfrau und zugleich gute Freundin der Chefin schaute mich vorwurfsvoll an und schniefte zugleich noch einmal herzerweichend durch ihre völlig verschnupfte Nase. Ohne Frage – sie war stark erkältet und dass sie mir am Neujahrsabend bei Wind und Wetter die Apotheke aufschloss, war gewiss auch ein Freundschaftsdienst für die Apothekeninhaberin.

Ich schluckte, lächelte und übernahm dankend die Schlüssel für mein neues Heim auf Zeit mit ausreichend Vorrat an Tropfen und Pillen direkt vor Ort – falls es mich nun doch noch erwischen sollte. Und dann entschwand sie auch schon im winterlichen Nebel des verschlafenen Örtchens und Sekunden später hörte man ein Auto sich rasch entfernen.

Da war ich nun; das neue Jahr hatte gerade erst begonnen. Ich war gespannt darauf, was mich hier wohl so erwarten würde. Vieles hatte ich mittlerweile schon kennenge-
lernt durch meine Tätigkeit bei approtime. Ob das nun die schiffsversorgende Apotheke in Bremerhaven war, wo ich dabei mithalf, den Ethanol für die Schiffe zu vergällen und abends bei schönstem Sommerwetter und würziger Meeresluft am Deich entlangskatete und aus der Ferne die johlenden Menschen vor den riesigen Leinwänden am Kai betrachtete, während diese bei einem Deutschlandspiel der Fußball-WM mitfieberten.

Oder ob das im tiefsten Mecklenburg war, wo ich in Goldberg, der „Stadt der drei Lügen“ (kein Gold, kein Berg, keine Stadt), jedoch in einem schönen Seengebiet gelegen, in einer kleinen aber charmanten Apotheke vertrat. Die quirlige PTA und stolze Mutter hatte sich gerade erst den Namen ihrer Tochter auf den Arm tätowieren lassen und bei ihr wie bei anderen Menschen aus diesem Landstrich lernte ich die typische direkte Art zu schätzen. Untergebracht war ich bei einer etwas skurrilen, jedoch sehr zuvorkommenden alten Dame im separat gelegenen Gartenhaus mit Ostcharme und einem wunderbar wilden herbstlichen Bauerngarten direkt vor der Tür, welchen ich abends noch nebst vorbeiziehenden Wildgänsen auf einer alten Gartenbank sitzend bewundern konnte.

Und noch vieles, vieles mehr. Ich habe all diese vielen Eindrücke sehr genossen. Und so wurde ich durch meine Arbeitsaufenthalte auch inspiriert dazu, einige Landstriche Deutschlands noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und dort auch mal im Urlaub – so ganz ohne Apotheke – hinzufahren. Denn ich war neugierig geworden.

Da die Apothekenarbeit an sich ja recht stark standardisiert ist, kommt man eigentlich immer sehr schnell rein ins Apothekengeschehen. Sei das nun die kleine Landapotheke, wo manchmal sogar noch Kärtchen gezogen werden müssen und wo man einige Kunden an ihrem charakteristischen Geruch erkennen kann, oder die wirbelige Center-Apotheke mit Blick auf die Netto-Supermarkt-Kassen. Und es stehen eigentlich immer sehr nette und hilfsbereite Kollegen zur Seite und zeigen einem am Anfang die Abläufe des Tages.

À propos Kollegen: das entpuppte sich für mich als ein wahrer Schatz, den ich da für mich bergen konnte, da ich von den Apothekenmädels (denn meist sind es ja Frauen) so nebenbei auch vieles Interessantes über Land und Leute erfahren habe. Über die regionsspezifische Mundart, Gebräuche, Probleme und Kernfragen des Landstrichs – auch mal ganz abseits von allem Pharmazeutischen. So zum Beispiel in einer sehr schönen Gegend kurz vor der polnischen Grenze, wo der durch die Regierung strengstens geschützte Biber sein Unwesen treibt und den eh sehr geringen Baumbestand der Kulturlandschaft ungehindert weiter dezimiert – mit den charakteristischen Spuren. Ich habe mir ein Bild davon machen können, wie so ein Lebenslauf in diesem Ort oder in jener Stadt aussehen kann, wie die Kundenstruktur ist und was die Menschen dort so bewegt und umtreibt. Und das ist goldwert an diesem Job, die Vielzahl der Einsichten und Einblicke, die man bekommt, so ganz unverblümt; wenn man neugierig und offen ist und sich für die Menschen interessiert.

Auch bei den Unterkünften kann man was erleben. Von einer schicken Pension in einem denkmalgeschützten Haus mit tollem Frühstücksbüffet und Geschichten-erzählendem Inhaber mitten in der Altstadt von Aurich über geräumige Ferienwohnungen mit Badewanne und Ponyhofanschluss über ebenfalls denkmalsträchige (aber anders) „Gästehäuser“ in Plattenbauweise mit Ausblick (12. Stock) am Rande Rostocks bis hin zu einem Notdienstzimmer in einem sozial schwachen Ortsteil einer Stadt an der Ostsee, das ich mehr oder weniger liebevoll nur „Wohnklo“ genannt habe und wo ich allabendlich im Kampf mit dem Schlafsofa den Kürzeren gezogen habe. Nachdem ich mich gerade von dem Ausspruch der Apothekenhelferin erholt hatte, die am ersten Abend beim Herausgehen noch kurz zu mir herüberflötete: „Ach übrigens, letzte Woche ist hier eingebrochen worden; sie sind durch´s Notdienstzimmer eingestiegen. Aber da ging dann die Alarmanlage los, da sind sie wieder abgehauen. Die Alarmanlage kannst du leider nicht anschalten – die würde durch dich ja auslösen. Schönen Abend!“ – Na dann gut´s Nächtle!... Es erfolgte zum Glück kein zweiter Versuch und die Schlafcouch ließ ich irgendwann einfach unausgeklappt. Ging auch.

Ich kann diese Art der „Visionssuche“ nur jedem frisch gebackenen Pharmazeuten empfehlen – so viel Vielfalt und Abwechslung kann man sonst nur schwer innerhalb von so kurzer Zeit erleben und soviel unterschiedliche und wertvolle Erfahrungen sammeln. Und dabei ist das Ganze durchaus etwas für Bequeme, da man sich eigentlich um nichts kümmern muss. Denn das übernahm das Team von approtime sehr zuverlässig und mit stets offenem Ohr für eventuell auftretende Schwierigkeiten und Probleme für mich. Man muss einfach nur noch hinfahren und seinen Job machen.

Ja, das dachte ich mir alles so, als ich da an jenem Neujahrsabend die Schlüssel zu meiner neuen Herberge in der Hand hielt. Meine Handtasche mit meinem Handy und allen Unterlagen befanden sich bereits gut aufgehoben im geräumigen und warmen Notdienstzimmer der Apotheke. Jetzt wollte ich nur noch schnell meine Sachen aus dem Auto holen, das ein paar Minuten entfernt stand. Ich schnappte mir meinen Vlies und den Autoschlüssel und stapfte los. In Gedanken freute ich mich bereits auf eine heiße Tasse Tee und die Nougatpralinen, die ich als Gruß von meinem Liebsten in meiner Tasche entdeckt hatte. Ich ging über den angrenzenden Hausflur hinaus in den Schnee. Mittlerweile hatte es auch wieder zu schneien begonnen. Die Strasse war menschenleer; es war dunkle Nacht. „Klack“ – die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Ich umfasste die Schlüssel in meiner Hand etwas fester – es wird natürlich auch einer für den Hausflur dabei sein, dachte ich. Schließlich sagte die Putzfrau ja, ich könne ihr vertrauen mit den Schlüsseln und müsse nicht nochmal alles selbst überprüfen. Schließlich kenne sie sich ja hier aus. Sagte sie. – Hm…, aber manchmal vernebelt einem so eine Erkältung ja doch ganz schön den Kopf….hmmm….

Am nächsten Morgen kam ich ziemlich gerädert um halb acht zum Dienst, nachdem ich die Nacht in einer Art Hotel verbracht hatte. Das hatte ich nach einer kleinen nächtlichen Odyssee und mithilfe eines Passanten (dem einzigen) und einem hilfsbereiten Mädel an der Tankstelle gerade noch rechtzeitig gefunden, bevor in dem Örtchen auch diese Unterkunft ihre Pforten schloss. „Das kann ja ein Jahr werden“, dachte ich so bei mir. Von der Putzfrau erhielt ich als Entschuldigung ein hübsch eingepacktes Blümchen; ihr war das sehr unangenehm, so dass sie mir schon wieder Leid tat. Aber nach ein paar Tagen war das alles vergessen, da die Apothekencrew und die Kunden mal wieder sehr nett waren und ich eine spannende Woche hatte.

Tja, bei approtime kann man halt was erleben!

08/17
K.H.